Die Versicherungswirtschaft in der Coronakrise

Menschenmasse in Form eines Pfeils. Alle gehen in die selbe Richtung

veröffentlicht am 24. April 2020

Interview mit Lars Heermann

Hallo Lars, vielen Dank, dass Du Dich in dieser besonderen Zeit unseren Fragen stellst. In Euren Veröffentlichungen habt Ihr ja schon vielfach die schwierigen Rahmenbedingungen für die Versicherungsbranche erörtert.

 

  • Ist die Versicherungswirtschaft durch Covid-19 und die verschärfte Niedrigzinsphase doppelt gebeutelt

In der Konsequenz ja, wobei Ursache und Wirkung auseinander gehalten werden sollten. Die Niedrigzinsphase ist ein Phänomen, das die Kapitalmärkte bereits seit vielen Jahren prägt. Die Corona-Pandemie ist nun völlig unerwartet als weitere Ursache hinzugekommen und hat die Märkte kräftig durchgeschüttelt. Dabei hat sich auch der Druck auf das Nominalzinsniveau noch weiter erhöht.

 

  • Wie schätzt Du die Gesamtlage der Versicherungswirtschaft ein?

Insgesamt leidet die Versicherungswirtschaft weniger als viele andere Branchen. Gleichwohl wird Corona sicher Spuren hinterlassen, auch wenn die genauen Folgen derzeit noch nicht abzuschätzen sind. Da das Pandemie-Risiko nur in wenigen Produkten versichert ist, halten sich die direkten, also die bedingungsmäßig versicherten Schäden häufig in Grenzen. Jedoch zeichnet sich seit Anfang April ab, dass sich viele Versicherer an Solidaritätsfonds oder anderweitigen Instrumenten zur Finanzierung der Folgen aus der Coronakrise beteiligen. So wurden beispielsweise bei den Betriebsschließungs­versiche­rungen erste Lösungsansätze für den Fall erarbeitet, dass der Schaden nicht explizit über die Bedingungswerke gedeckt ist.

 

  • Welche weiteren Folgen siehst Du auf die Versicherer zukommen?

Infolge der drohenden Rezession dürfte es zu größeren Forderungsausfällen kommen, was wiederum die Kreditversicherung belastet. Um die Folgen zu begrenzen, hat die Branche sich auch hier mit der Politik verständigt. Ergebnis ist ein Schutzschirm, um Lieferantenkredite deutscher Unternehmen zu sichern und die Wirtschaft in schwierigen Zeiten zu stützen. Kreditversicherer spielen dabei eine tragende Rolle. Auf der anderen Seite fordern Kunden vor allem aus dem Mittelstand bei der Zahlung ihrer Beiträge von den Versicherern mehr Flexibilität. Die Bitte um Beitragsstundungen oder Umstellung von jährlicher auf monatliche Zahlung trifft wohl nicht durchweg auf Verständnis. Insgesamt dürfte bei den Versicherern das Management von Forderungsausfällen sowohl unter Service- als auch wirtschaftlichen Aspekten deutlich an Bedeutung gewinnen.

 

  • Was für Konsequenzen hat der Börsencrash für die Branche?

Wenn Du auf die heftigen Corona-Reaktionen an den Aktienmärkten im März abzielst, so wirken sie sich für die Versicherungsbranche relativ moderat aus. Zwar haben einige Anbieter die Aktienquoten in ihren Portfolios in den vergangenen Jahren ausgebaut, dennoch liegen diese im Schnitt nur im einstelligen Prozentbereich. Teilweise wurden Aktienbestände vor oder während der Coronakrise bereits wieder verkauft, sei es als bewusste Managemententscheidung oder ad-hoc durch etablierte Mechanismen in den Risikomanagement- und Limitsystemen der Gesellschaften. Wenn ich aber an Deine Eingangsfrage zurückdenke, sollte beim Thema Kapitalmärkte natürlich nicht außer Acht gelassen werden, dass Versicherer durchaus massiv von den niedrigen Zinsen betroffen sind. Im Zuge von Corona haben sich dann auch die Credit Spreads an den Märkten ausgeweitet, was die Marktwerte in den Portfolios sinken lässt. Andererseits bietet dies die Chance auf höhere Einstandsrenditen in der Neu- und Wiederanlage, sofern Risikobudget und Sicherheitsmittelausstattung dies zulassen. Nicht zuletzt deshalb schauen wir hier bei den von uns gerateten Versicherern derzeit sehr genau hin und führen intensive Gespräche und Situationsanalysen durch.

 

  • Welche Erkenntnisse ziehst Du aus Ihren Analysen?

Der Grad der Betroffenheit ist sehr unterschiedlich. Durch das verstärkte Niedrigzinsumfeld nehmen in der Lebensversicherung die Herausforderungen an die Solvenz und Ertragslage vielfach zu. Im Rahmen der Versicherungstechnik dürften die Auswirkungen auf das Risikoergebnis jedoch gering sein, so lange die Corona-Sterblichkeit in Deutschland überschaubar bleibt. Zudem wirken die Effekte zwischen Todesfall- und Langlebigkeitsversicherung tendenziell gegenläufig.

 

  • Wie sieht es in den anderen Sparten aus?

In der Krankenversicherung hängen die Auswirkungen stark vom weiteren Verlauf der Pandemie ab. Den erhöhten Diagnose- und Akutbehandlungskosten durch Covid-19 steht aktuell ein Kostenrückgang entgegen, da geplante Behandlungen und Operationen häufig verschoben werden und Patienten den Gang in die Arztpraxen meiden. Dies dürfte allerdings gewisse Nachholeffekte nach sich ziehen, wenn die Maßnahmen der Kontakteinschränkungen gelockert werden und sich das tägliche Leben allmählich normalisiert. Die langfristigen Auswirkungen der Krankheit auf die Leistungsbudgets der Krankenversicherer sind in medizinischer Hinsicht noch gar nicht absehbar. Dies hängt insbesondere vom weiteren Ansteckungsverlauf und der Marktreife eines möglichen Impfstoffes ab.

 

  • …und in der Schaden- und Unfallversicherung?

Hier muss man leistungsseitig nach Versicherungszweigen unterscheiden. Neben der Betriebsschließungs- und der Kreditversicherung dürfte Corona besonders die Rechtsschutzversicherung treffen. Nach jüngsten Schätzungen der aktuariellen Beratungsgesellschaft MSK könnten hier bis zu 500 Millionen Euro an Schäden auf die Branche zukommen. Größere Schäden drohen auch aus Veranstaltungsausfallversicherungen, da in Sorge vor der Virusausbreitung praktisch alle Veranstaltungen der zurückliegenden Wochen und der kommenden Monate abgesagt wurden. Dies betrifft insbesondere Großveranstaltungen wie Olympia, Fußball-Europameisterschaft und Wimbledon, oder nun auch das Oktoberfest. Inwiefern die jeweiligen Policen auch bei einer Pandemie greifen, ist von Einzelfall zu Einzelfall unterschiedlich. Zumindest war das Pandemierisiko in der Vergangenheit nicht generell in den Bedingungen ausgeschlossen worden. Dies dürfte sich in Zukunft ändern. Um die Schäden zu verringern, werden die Versicherer daran interessiert sein, dass Veranstaltungen nicht gänzlich ausfallen, sondern möglichst verschoben werden. Absehbar sind darüber hinaus auch deutlich zunehmende Schäden im Bereich der D&O-Versicherung als Folge einer signifikant ansteigenden Zahl von Insolvenzen. Wo entsprechende Absicherungen vorliegen, werden Insolvenzverwalter womöglich versuchen, die ehemaligen Geschäftsleiter in die Haftung zu nehmen.

 

  • Gibt es auch gegenläufige Effekte?

Ja die gibt es. Zum Beispiel sind die Zahlen von Verkehrs-, Sport- und Freizeitunfällen durch den teilweisen Shutdown stark zurückgegangen, ebenso wie von Einbruchsdelikten. Hierdurch werden die Leistungsausgaben der Versicherer entlastet, was sich dann in der Unfall-, Hausrat-, privaten Haftpflicht- oder der Kfz-Versicherung positiv niederschlägt. Allein in Nordrhein-Westfalen als bevölkerungsreichstem Bundesland fielen die Einbruchszahlen im Zuge der Corona-Einschränkungen um 30 Prozent geringer aus, da die Leute seit Mitte März verstärkt zuhause bleiben.

 

  • Hat Covid-19 Implikationen auf das bestehende Geschäftsmodell von Versicherungsunternehmen und wenn ja, welche?

Im Hinblick auf ihre Betriebsorganisation haben sich die Versicherer erstaunlich schnell und reibungslos auf die neue Lage unter Corona eingestellt. Nach unseren Erhebungen befanden sich in den Versicherungshäusern in der Spitze zwischen 60 und über 90 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice, und dies ohne dass der Geschäftsbetrieb zusammenbrach. Die positiven Erfahrungen dürften dafür sorgen, dass die Themen „New Work“ und mobile Arbeitsplätze auch nach Ende der Pandemie eine größere Rolle in den Unternehmen spielen werden. Arbeitsprozesse werden sich dadurch sicher verändern, sie werden remoter und digitaler, und die Veränderungsdynamik wird an Geschwindigkeit gewinnen. Bezogen auf das Versicherungsgeschäft lässt sich absehen, dass das Pandemierisiko in den Versicherungsbedingungen künftig eine größere Rolle spielen wird als bisher.

 

  • In welchen Bereichen der Wertschöpfungskette bietet die Coronakrise Chancenpotenzial?

Chancenpotenzial besteht für die Versicherer darin, sich als Kümmerer und Krisenbegleiter zu positionieren und die eigene Reputation in puncto Leistungsregulierung zu fördern. Dies betrifft nicht nur die öffentlich viel diskutierte Betriebsschließungsversicherung, sondern zum Beispiel auch Beitragsrückerstattungen in der Kfz-Versicherung oder neue Behandlungswege in der Krankenversicherung. Nehmen Sie hier die Tele- oder Videomedizin: Sie schafft gerade in Epidemiezeiten Raum für neue Interaktionsformen und positive Leistungserfahrungen, was letztlich auf die Kundenbindung einzahlt. Dies sollte idealerweise mit intelligenten Stornopräventionsmaßnahmen der Versicherer einhergehen, beispielsweise durch das aktive Anbieten von Zahlungshilfen, Vertragsruhestellungen oder Umtarifierungen. Oder nehmen Sie die Industrieversicherung: Unternehmenskunden werden voraussichtlich in der Post-Corona-Ära ein höheres und sensibleres Risikobewusstsein an den Tag legen. Hier können Versicherer durch ihr ausgeprägtes Know-how im Risikomanagement ihre Stärken ausspielen, auch dies bietet neue Chancen.

 

  • Wie bewertest Du die Entwicklung des Neugeschäfts in dieser Phase, in der der Vertrieb kaum mit Kunden persönlich in Kontakt treten kann?

Beim Neugeschäftspotenzial erwarten wir in den meisten Segmenten Einschnitte. In der Kfz-Versicherung sind heute zum Teil schon Prämieneinbußen erkennbar, wenn Neuzulassungen wegen geschlossener Autohäuser und Zulassungsstellen ausbleiben oder Fahrzeuge im Flottengeschäft stillgelegt werden. In anderen Sparten dürften sich die Folgen von Corona erst zeitversetzt in den Wachstumszahlen niederschlagen, wenn die wirtschaftlichen Einbußen dazu führen, dass Kunden beim Abschluss von Versicherungen zurückhaltender werden. Besonders im Firmenkundengeschäft ist in bestimmten Branchen wie dem Gastgewerbe mit einem Geschäftsrückgang zu rechnen, sobald Insolvenzen und Geschäftsaufgaben eintreten. Auch das Prämienvolumen in Aviation oder der Transportversicherung wird sich aufgrund der veränderten Wirtschaftsstrukturen sicherlich reduzieren.

 

  • Wo siehst Du Wachstumsperspektiven?

Perspektiven sehen wir für den Bereich Cyberschutz. Mobiles Arbeiten birgt auch erhöhte Risiken für den Datenschutz. Wenn Arbeitnehmer vermehrt unter Einsatz mobiler Hilfsmittel, wie Smartphone oder Tablet, außerhalb des Betriebs tätig sind, ergeben sich sicherheitstechnische und datenschutzrechtliche Herausforderungen, hierauf gilt es als Arbeitgeber zu reagieren. Auch könnten Biometrieprodukte in der Lebensversicherung auf mittlere Sicht profitieren, wenn Risikowahrnehmung und Absicherungsbedürfnis in der Bevölkerung zunehmen. Klar ist aber auch, dass gerade der Vertrieb erklärungsbedürftiger Produkte wie Berufsunfähigkeits-, Krankenvollversicherungen oder auch moderne Altersvorsorgeprodukte in Zeiten von Corona vor großen Herausforderungen steht. Denn traditionell handelt es sich dabei um Beratungsprozesse von Angesicht zu Angesicht. Viele Versicherer und Vertriebe werden versuchen, dies durch einen Ausbau der digitalen und telefonischen Kapazitäten auszugleichen. Inwiefern dies gelingt, wird sich erst im Nachhinein zeigen, zumindest steht die Tür nun ein Stück weiter auf als noch vor Corona.

 

  • Was bedeutet diese Marktlage für InsurTechs und Technologieanbieter?

Profitieren können Technologieanbieter, die unter den Rahmenbedingungen von reduzierten persönlichen Kontakten dem Kunden Nutzenvorteile bringen und zudem digital ins Auge fallen. Insurtechs haben hier typischerweise den Vorteil, von vorneherein komplett digitalisiert in ihr Geschäftsmodell gestartet zu sein. Um in der Coronakrise zu bestehen, reicht Modernität allein jedoch nicht aus. Für unterfinanzierte Start-ups könnte die Lage brenzlig werden, falls Engpässe bei den Kapitalgebern auftreten und die Finanzierung in den nächsten Monaten ins Wanken gerät. Denn große Kundenbestände mit regelmäßigen Prämienzuflüssen können die jungen Unternehmen meist noch nicht verzeichnen. Corona wird somit zu einer Zäsur für Start-ups werden, die noch kein nachhaltiges Geschäftsmodell haben. Für die anderen dürfte Corona zum Katalysator werden und die Akzeptanz des digitalen Leistungsangebotes beflügeln. 

 

  • Apropos Katalysator: Können auch Themen aus dem Bereich ESG als Katalysator aus der Coronakrise dienen und wenn ja, wie?

Ja, absolut. Denn durch Corona wird die Sensibilität für verantwortungsvolles Handeln und damit auch die Aufmerksamkeit auf das Thema ESG zunehmen. Beispiel Wertschöpfungsketten: Wenn diese als Folgen der Coronakrise wieder stärker regionalisiert werden, wird auch das Bewusstsein für stabile, faire und nachhaltige Beziehungen zu Kunden und Lieferanten deutlich steigen. Auch Altersvorsorgekunden werden ein immer stärkeres Interesse daran entwickeln, wo und wie der Versicherer ihr Geld investiert, und hiervon zunehmend ihre Anbieter- und Produktauswahl abhängig machen. Durch nachhaltige Kapitalanlagepolitik kann dann Raum für Zukunftsinvestitionen geschaffen werden, zum Beispiel im Gesundheitssektor. Vielleicht können Pandemien ja dadurch künftig verhindert, zumindest aber schneller eingedämmt werden. Versicherer tun gut daran, beim Thema ESG antwortfähig zu sein und ein eigenes Nachhaltigkeitsprofil zu entwickeln. Hierzu gehören passende und innovative Produkte, aber auch eine entsprechende Unternehmenskultur.

Vielen Dank, Lars, dass Du Dir die Zeit genommen hast, Deine Sicht auf die Versicherungsbranche mit uns zu teilen.

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